Bericht zum Vortrag von Dr. Reinhard Lindner am 24. August 2012 in Wyk

 

Depressionen sind keine Frage des Alters

 

Ein spannender Vortrag fand am 24. August 2012 in den Räumen der Brücke statt. Eingeladen hatten gemeinsam der Betreuungsverein Föhr-Amrum und die Brücke Föhr zum Thema Depressionen und Suizidalität im Alter. Der Neurologe und Psychiater DR. Reinhard Lindner, dessen Fachgebiet vor allem die älteren und alten Menschen mit Depressionen sind, arbeitet in der Abteilung für Gerontopsychologie und Alterspsychotherapie der Geriatrischen Klinik Albertinen-Haus in Hamburg.

Anders als bei einer Trauer, die eine Zeitlang andauert und bei der ein äußerer Verlust verarbeitet werden muss, wird eine Depression oft als innerlicher Verlust erlebt. Der Betroffene hat etwas verloren, das sein Selbst beschädigt hat. Manchmal kann dieser innere Verlust durchaus auch durch einen äußerlichen Verlust, z.B. den Tod eines nahe stehenden Menschen ausgelöst werden. Je älter ein Mensch wird, desto häufiger muss er Abschied nehmen: von Menschen, die sterben, aber auch von Fähigkeiten und Möglichkeiten, die mit steigendem Alter oder krankheitsbedingt nicht mehr verfügbar sind.

Und dennoch werden Depressionen bei älteren und alten Menschen nicht häufiger diagnostiziert als bei anderen Altersgruppen. Und nur 10% aller im Alter Erkrankten erleben zum ersten Mal eine Depression. Diese sind also keine „Alterserscheinung“, wie oft vermutet wird – und schon gar nicht sind sie Schicksal, das eben hingenommen werden muss. Depressionen und Suizidgedanken sind eine behandelbare Erkrankung – durch eine Kombination von Medikamenten und Psychotherapie kann den Betroffenen hier geholfen werden. Wichtig hierbei sind, so Dr. Lindner, die Abgrenzungen zu anderen Erkrankungen wie Demenz oder Trauerreaktionen. Auch bestimmte Medikamente können depressionsfördernd wirken, so dass auch diese überprüft werden sollten.

Ein wichtiger Hinweis an Angehörige depressiver Menschen war, dass diese zum Einen an die Möglichkeit einer Depression denken und den Betroffenen auf die Möglichkeit der ärztlichen Hilfe ansprechen sollten, gleichzeitig aber auch an sich denken und sich selbst schützen müssen. Denn eine Depression geht häufig mit Antriebsarmut einher, so dass eine ohnehin geringe Motivation, einen Arzt aufzusuchen, noch niedriger ist; ohne den eigenen Willen zu einer Behandlung hat diese jedoch kaum Aussichten auf Erfolg, so Dr. Lindner. Gerade für Angehörige ergibt das eine sehr schwierige Situation, da auch ihre Hilfemöglichkeiten eng begrenzt sind und eine Depression bei einem nahen Angehörigen nur sehr schwer auszuhalten ist. Ein Mit-Leiden hilft aber auch dem Betroffenen nicht.

Und gerade ältere Menschen scheuen den Gang zum (Fach-)Arzt; die Erkenntnis, dass eine Depression nicht „schuldhaft“ kommt und behandelbar ist, setzt sich bei ihnen nur langsam durch.

Auch das schwierige Thema der Suizidalität, also häufiger Gedanken an den Tod mit dem Wunsch, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen, wurde angesprochen; auch hier ist das Ansprechen des Betroffenen ein wichtiger Ansatz. Die Frage nach Suizidgedanken lösen keine Suizidalität aus; andererseits nimmt aber die Möglichkeit, diese Gedanken auszusprechen, sehr häufig etwas von dem Druck, unter dem die Betroffenen stehen. Insbesondere muss hier unterschieden werden zwischen der Suizidalität, bei der die Betroffenen unter einem hohen Handlungsdruck stehen, ihrem Erleben aktiv ein Ende zu setzen, und der Lebensmüdigkeit oder auch Lebenssattheit, bei denen dieser Druck nur schwach oder gar nicht vorhanden ist. Unser Leben ist endlich; und manche alte Menschen, die mit sich im Einklang sind, können ihrem Lebensende entgegen sehen in dem Gefühl, dass ihr Lebenskreis sich schließt.